/ projektvorhaben '21


auf ...Sicht

eine Aktion von „SirBradley“ in HH – April2021,

runter vom Sofa, raus aus dem Übungsraum

 

Baggerlärm, vorbeifahrende Autos, Menschenstimmen

und dann plötzlich unser SOUND, so kann die Schnellstr. in HH klingen

 

- ein Klang, der zwischen den Häuserfronten verhallt und dabei

auf Ohren und Herzen der Nachbarn und Bauarbeiter trifft

 

 

auf ...Sicht gespielt:

- 4 Balkone, 1 Haustür

- 4 Instrumente, 1 Stimme

 

 

Aufsicht gefilmt:

- 4 Handys von Gegenüber

- 4 Handys auf den Balkonen

 


ausführliche projektbeschreibung

Gewohnte (Kultur-)Räume, die Musik fassen und eine Begegnung zwischen Akteur*innen und Rezipient*innen mit der Musik ermöglichen, sind seit mehr als einem Jahr und weiterhin auf unbestimmte Zeit nicht bespielbar. Dieser Umstand provoziert gewohnte Aufführungspraxis neu und umzudenken.
Der Lösungsansatz den Kulturbetrieb zunehmend zu digitalisieren und Veranstaltungen per Livestream zugänglich zu machen, mag praktikabel und umsetzbar sein.
Jedoch scheint darin ein gewichtiges Wesensmerkmal lebendiger Kulturpraxis
aufgehoben -  interaktive Begegnung  durch das Erleben eines intersubjektiven Raums.

Das Bedürfnis Musik weiterhin auch mit einem Fokus auf Begegnung stattfinden zu lassen, motivierte zu der Idee ein Musikstück für und an einem öffentlichen Platz zu spielen.
Das vorrangige Ziel war dabei nicht durch ein spontanes Miniaturkonzert ein ebenso spontanes Publikum im öffentlichen Raum zu versammeln. Durch die Aktion sollte vielmehr ein experimenteller Raum geöffnet werden, der neue Fragen an den Sound, die Komposition, an die Improvisationen, an Interaktion und an das Erleben von Musik richtet.


In der zunächst einmalig durchgeführten Aktion wurde erlebbar, dass sich in der Begegnung zwischen live gespielter Musik und dem Raum, der diese umgibt, ein Moment unmittelbarer, intensiver, wechselseitiger Bildungs- und Umbildungsprozesse ereignet. Besonders plastisch wurde dieses Phänomen in der dauerhaften Erweiterung der Komposition des gespielten Stückes durch die Einflussnahme der Soundscape des gewählten Ortes. Der Ort hat hierbei über die eigentliche Dauer der Aktion hinaus kompositorischen Einfluss auf die Musik genommen.
Öffentliche Plätze haben ein Eigenleben, folgen einem eigenen Willen, zeichnen sich durch eine einzigartige und unnachgiebige  Soundscape  aus. Anders als Konzerträume scheinen öffentliche Plätze Musik zwar aufzunehmen, jedoch nicht priorisiert zu behandelt.


Die Musik greift in einen Raum ein, der Raum greift in die Musik ein.

Darin scheint ein wechselseitiger Behandlungsprozess verborgen, der Potenziale für beide Elemente beinhaltet.

Ziel des Projektes ist es, diese Potenziale aufzuspüren, der Musik und den Orten zu Nutze und in weiterer Folge den Rezipient*innen zugänglich zu machen. Die Planung und Durchführung des Projektes sieht dabei mehrere Teilschritte vor und wird sowohl im öffentlichen Raum, als auch in digitaler Form realisiert.

 

An erster Stelle steht dabei eine Recherchearbeit, die durch die Musiker*innen selbst betrieben wird und zum Ziel hat, Räume im städtischen Gebiet aufzuspüren, die baulich, architektonisch, akustisch, atmosphärisch oder auch die Soundscape betreffend zu einem Dialog mit bestehenden Stücken des Ensembles einladen. Ein weiteres Ziel der Recherche ist, Räume ausfindig zu machen, die zu kompositorische Prozessen anregen, zur Entstehung neuer Kompositionen motivieren. Die Auswahl der Orte wird in diesem ersten Schritt des Projektes auf einem Stadtplan mit “Fähnchen” erfasst und so archiviert.

 

Im zweiten Schritt sucht das Ensemble diese Orte auf, um in einer Livesituation die Begegnung zwischen Musik und öffentlichem Raum zu erfahren, die beiden Elemente in Korrespondenz treten zu lassen.

Diese Miniaturkonzerte werden unter anderem durch folgende Leitfragen begleitet:

  • Wie gestaltet sich die Kommunikation zwischen dem gewählten öffentlichen Raum und der Komposition?
  • Welche Elemente können sich behaupten, in welcher Weise und welche Qualitäten betreffend verändert der Ort die Musik und die Musik den Ort?
  • Inwieweit werden Musik und Ort nachhaltig verändert?
  • Verwandelt sich die Komposition dauerhaft durch die Begegnung und Konversation mit dem Ort?
  • Gibt es qualitative Veränderungen des Ortes, die imaginativ dauerhaft mit dem Ort verknüpft bleiben –sprich: bleibt das musikalische Geschehen im Ort konserviert?

Die Miniaturkonzerte werden auf der Website des Ensembles in einen interaktiven Stadtplan so eingebunden, dass durch Anklicken des jeweiliges “Fähnchens” die Konzertankündigung erscheint. Die Konzerte selbst werden in audiovisueller Form festgehalten und ebenso mit dem Stadtplan auf der Website des Ensembles verknüpft. Nach Durchführung der Aktion wird ein Video über Verlinkung mit dem ”Fähnchen”, das den jeweiligen Ort markiert, abrufbar sein.
Der interaktive Stadtplan wird so dauerhafter Bestandteil diser Website und lädt dazu ein, auch im Nachgang Interessierte durch Hamburgs Stadtgebiet zu begleiten. Denkbar wäre, dass sich aus dem Projekt eine “Stadttour” entwickelt, welcher Interessierte folgen können. Dabei könnten zunächst die einzelnen Orte wahrgenommen und im Anschluss noch vor Ort über ein Smartphone oder Tablet das Video, die Musik erlebt werden.
Dabei wird folglich im Vergleich zu Livestreamkonzerten nicht die zeitliche Ebene zu einer, die die Akteur*innen mit den Zuhörenden teilen, sondern die räumliche Ebene zur gemeinsam (teilweise zeitlich versetzt) erlebten. Hierin könnte eine Möglichkeit stecken, das “verloren gegangene” Phänomen des interaktiven und intersubjektiven Raumes wieder in die Kulturlandschaft und die lebendige kulturelle Praxis zu integrieren.